> Das Märchen vom Frieden

initiative vernunft Beitrag Nr. 6
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© Ronald Slabbers, ronaldslabbers.com






> Das Märchen vom Frieden
Von Max Schnyder, mmschnyder@bluewin.ch, zeit-ethik.ch


E s war einmal ein grosses, reiches Land, in dem auch die Natur wundervoll gedieh, von vielen Völkern in allen Hautfarben bewohnt – ohne Grenzen – die nichts wollten, als sich ihren Wunsch erfüllen, im Frieden zu leben, grenzenlos. Sie machten zwar noch viele Fehler, aber unabsichtlich, weil sie nicht alles wussten. Sie waren sich bewusst, dass sie viel zu wenig wussten, aber auch dass Anstand und Achtsamkeit Früchte der Liebe sind, und dies das wichtigste Wissen ist. Sie beschuldigten sich gegenseitig nicht, sondern halfen einander aus den Fehlern zu lernen, die ihre besten Lehrmeister waren. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“, war ihre Lebensregel. Die „heiligen Zweckmittel“ und „wie du mir so ich dir!“, waren Vergangenheit. Sie gingen anständig und achtsam miteinander um, auch mit der Natur. Reich sein bedeutete ihnen nichts mehr, denn sie hatten vordem erfahren, dass Reichtum die Armut bewirkt, beide ungerecht sind und die Armen unachtsam behandelt. Auch bestanden dazumal Grenzen zwischen Religionen, Nationen und Ethnien, die unsäglich viele Tote und entsetzliche Leiden bewirkten. Das wollten sie nicht mehr erleben, auch die ehemals Reichen und Mächtigen nicht. Alle sagten:

„Wir alle sind gleichwertige Menschen, mit denselben Bedürfnisse und dem gleichen Wunsch nach Frieden, den wir nur miteinander schaffen und erhalten können, wir sind auf ein liebevolles Miteinander angewiesen und wollen keine Grenzen mehr.“

Vor langer, langer Zeit, in dunkler Vergangenheit, kämpften sie gegeneinander mit Steinbeilen. Doch sie entwickelten sich weiter, nannten das den „Technischen Fortschritt“, der zum allgültigen Massstab ihrer Entwicklung wurde und meinten, sie seien jetzt „zivilisiert“. Die Steinbeile wurden zu Massenvernichtungsmitteln, die sie sich gegenseitig über die Köpfe hauten, mit noch immer derselben steinzeitlichen Gesinnung. Die Folgen waren entsetzlich und brachten sie zur Einsicht. „Nie wieder Krieg!“ wollten sie diesmal verwirklichen, denn beinahe hätten sie sich selbst und die Natur ausgelöscht.

Sie lernten aus den Fehlern ihrer Vergangenheit. Die Empfehlung Jesu: „Lass dir genügen an Nahrung, Kleidung und Obdach; trachte zuerst nach Frieden“, verwirklichten sie, waren anspruchslos, nicht mehr hab- und machtgierig, nicht gewalttätig, sondern gewaltlos, beschuldigten und verspotteten sich nicht mehr gegenseitig, lebten ohne anzuklagen, sondern versöhnt miteinander. Weil es keine Angeklagten mehr gab, darum keine Schuldigen, benötigten sie weder Richter noch Gesetze. Es gab keine Ober- Mittel- und Unterschicht, keine Untertanen und Obertanen mehr. So bauten sie, ganz natürlich, eine Hierarchie der Könner auf. Alle verstanden sich als Hilfskräfte im Erarbeiten und Erhalten des Friedens, die Schwachbegabten so gut wie die Hochbegabten, alle waren Lehrer und Schüler zugleich, denn sie waren bestrebt, miteinander lernend, zu leben. Politik, Religion, Wirtschaft und Wissenschaft ergänzten sich im Gleichklang des friedlichen Wollens aller, zu wohlklingender Harmonie mit Hilfe ihrer Lebensregel, welche die Grundlage der Liebeslehre Jesu ist.:

„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“

Niemand mehr erstrebte politische Macht, denn sie suchten miteinander Lösungen für ihre Probleme zu finden, die allen Menschen gleichermassen nützten. Weil sie sich miteinander aufeinander einstimmten, waren nicht einmal mehr Abstimmungen notwendig.

Die vielen Religionen lösten sich auf, wie von selbst. Weil alle in der Liebe lebten, vergassen sie den strafenden Gott und glaubten fortan an einen liebenden Gott. Warum sollten sie noch an jenen „alten Rächer“ glauben, wenn sie doch selber allen alles vergaben, niemanden mehr anklagten und bestraften? Allerdings konnten sie ihren liebenden Gott, der die Liebe „verkörpert“, mit ihrem Verstand nicht erfassen. Aber indem sie in der Liebe lebten, erfassten sie ihn mit und in ihren Herzen, und so verkörperten sie ihn. Die Religion lebte in ihren Herzen und Alltag. Endlich verstanden sie die Liebeslehre Jesu und schufen, wie von selbst, das Reich Gottes auf Erden, das in den Herzen und Köpfen aller begann.

Auch die Wirtschaft mit ihrer alten Forderung nach „ewigem Wachstum“, das doch nur endlich sein konnte, löste sich auf, denn alle begnügten sich mit Nahrung, Kleidung und Obdach, ohne Macht- und Habgier. Sie arbeiteten miteinander, alle ihren Fähigkeiten entsprechend, gaben was sie konnten und nahmen nur so viel, wie sie benötigten um menschenwürdig zu leben. So hatten sie zur Genüge. Ohne Geld. Nichts mehr musste rentieren, jedoch lohnte sich jeder Aufwand zu Gunsten der Natur und zu ihrem eigenen Wohl.

Die Wissenschaften schlossen Gott und ein ewiges Leben nicht mehr aus, sondern bezogen sie in ihr Denken mit ein, als Möglichkeit. Sie behaupteten nicht mehr: „Die Existenz Gottes ist nicht bewiesen, darum gibt es ihn nicht!“, sondern: „Die Nichtexistenz Gottes ist nicht bewiesen, darum kann er sehr wohl sein.“ Sie wirkten mit der liebenden Ethik der „Ehrfurcht vor allem Leben“, glaubten an die Liebe und lebten in ihr, darum erfanden und entwickelten sie keine Mittel mehr, um Insekten, Wälder und Menschen in Massen vernichten zu können.

Die Justiz löste sich von selbst auf. Weil sich ausnahmslos alle bemühten, die Liebe zu praktizieren, benötigten sie keine Gesetze und Richter mehr.

Den Reichtum ihres Landes an Edelsteinen, Edelmetallen, Erzen und Öl, nutzten sie nur, um sich das Leben zu erleichtern und als bescheidenen Schmuck, den sie vergnügt lächelnd herstellten, aber für sie nur schillernder Schein war. So lebten sie liebevoll miteinander, erfuhren den Reichtum der Liebe und erlebten leiblich dass Frieden, Versöhnlichkeit, Gerechtigkeit und Achtsamkeit ihre Früchte sind.

Seitdem war ihr Reichtum der Frieden und sie verstanden das einzige gerechte Gesetz: „Ursache und Wirkung“ oder „Aussaat und Ernte“, denn die Ernte entsprach immer der Aussaat. Sie ernteten die Liebe, die sie ausgesät, nicht mehr den Hass, den sie früher aussäten, mit der Wirkung der Kriege, und fragten sich:

„Warum nur begreifen das allzu viele Menschen nicht,
und dass der Frieden kein Märchen sein muss?“



Die Freiheit der Gewaltlosigkeit

Z wei von ihren Obrigkeiten zu Feinden erklärten Menschen, zielen auf einander. Sagt der eine: „Wirf deine Pistole weg, sonst drücke ich ab.“ Sagt der zweite: „Nein, ich gehe keine Kompromisse ein. Wenn du zum Mörder werden willst, dann schiesse.“ Der eine senkt sein Schiesseisen und sagt: „Jetzt verstehe ich die uralte indische Weisheit, die ich neulich las: ‚Wenn du dies tust, bin ich es, der sterben wird.’ Auch ich will nicht zum Mörder werden.“ Daraufhin entgegnet der zweite: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, bedeutet dasselbe.“

Sie vergraben ihre Mordwerkzeuge und leben fortan friedlich miteinander.

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