> Die Frage des Menschseins
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> Die Frage des Menschseins
Von Jürgen M.
S chon oft habe ich mich gefragt, worin das Eigentliche meines menschlichen Daseins besteht. Die Quelle der Frage liegt wohl in mir selbst, so wie in jedem Menschen der sie jemals gestellt hat. Allein die Fähigkeit und Erfahrung, die Frage stellen zu können und an der Beantwortung interessiert zu sein, ist, wenn ich es mir genau anschaue, eine der ersten und erstaunlichsten Dinge, die mir begegnet sind. Anfangs war ich besorgt und unsicher, wie wohl die Antwort lauten könnte, und scheute die Frage. Inzwischen bereitet es mir Vergnügen, die Frage immer wieder neu zu stellen.
Doch die Verzweiflung über das „Hineingeworfensein in das Leben” kann einen Menschen zutiefst verunsichern. Es ist, gerade für einen jungen Menschen, ein Prüfstein seiner Selbstsicherheit, ein möglicher Stolperstein seiner Selbstbildung, der aber auch zum Eckstein seines Selbstwertes werden kann, wenn er sich der durchaus ausweichlichen Aufgabe stellt und den aufkommenden Fragen und dunklen Unsicherheiten nicht ausweicht.
Wie viele Berufsausbildungen, vor allem in sozialen und geisteswissenschaftlichen Bereichen, werden gewählt, im Versuch, wenigstens ansatzweise die Frage nach dem „Menschsein” zu klären. Dies bietet sich an, da die erste Frage lautet: Was will ich (beruflich) werden? Oft spüren die jungen Leute, dass diese Frage nach dem Beruf etwas mit der Berufung zu tun hat, herauszufinden, worin der Sinn (oder Unsinn) des eigenen Daseins besteht.
Doch wie soll man anfangen, wen kann man fragen? In unserer heutigen, „aufgeklärten” Zeit, eigentlich seit der Aufklärung und noch eigentlicher schon immer seit Menschen darüber nachdenken, tritt sofort ein grosses Problem auf: Es fehlt eine unleugbare Wissensinstanz. In jeder Zeit gab es genügend Menschen, die sich in der Frage nach dem Menschsein grosse Mühe gaben und, soweit uns die „alten heiligen Schriften” zeigen, ihre Antworten fanden. Soweit sie ihre Ansichten plausibel darbringen konnten, waren auch genügend Anhänger der Lehren zu finden.
Eins scheint allen Religionen und Philosophien gemeinsam zu sein: Die Suche nach dem „Sinn des Lebens” ist wohl eine ureigenste Sehnsucht des Menschen, ab dem Moment wo er beginnt, sich als Mensch wahrzunehmen, was wohl relativ früh beginnt. Der Unterschied im Erfolg der Bemühung liegt nur noch graduell, bedingt durch Gelegenheit, Bildung, Durchhaltevermögen und letztendlich den Schlussfolgerungen aus den Bemühungen selber.
Soweit kann ich als mittelmässig gebildeter Europäer des 21. Jahrhunderts noch folgen. Es wurden unzählige Schriften verfasst, die scheinbar nichts mit der Frage nach dem Sinn des menschlichen Lebens zu tun haben. Schaue ich mir jedoch genauer an, was ein themafremdes Buch versucht zu klären, finde ich die Frage in versteckter Form wieder. Zum Beispiel ein Buch über die sogenannten „Schwarzen Löcher” im Weltall. Was fasziniert an diesem Phänomen?
Ist nicht die Frage, was Schwarze Löcher sind und wie sie funktionieren, ganz geheim, auch die Frage nach sich selbst? Aus zwei Gründen wage ich diese Behauptung. Erstens sehe ich, dass „Schwarze Löcher” im Bewusstsein als physikalisches und mathematisches Konstrukt existieren. Denn, ob sie „wirklich” im Weltall „sind”, als was sie dort sind, wie sie aussehen, welche Phänomene sie verursachen usw. kann ich nicht direkt, als Phänomen, in meinem Leben erleben. Ich kann es vermuten aufgrund meiner erlernten Logik und des gesamten bisherigen Wissens über physikalische Vorgänge im Weltall. Mehr aber nicht. Sie sind, nach meiner Meinung, ein menschliches Gedankenkonstrukt, das mich letztendlich zu einer Teillösung führen soll, wie das Weltall funktioniert oder entstanden ist. Wenn ich wüsste, wie die „Materie” entsteht (und im Schwarzen Loch verschwindet), kann ich eventuell auch klären, wie der Mensch entstanden ist und dann wüsste ich eventuell, wer oder was „Ich” denn so eigentlich bin. – Welch eine Verschwendung (und Kreativität) menschlichen Forschergeistes!
Diese Art der Denk- und Lebensweise ist aber auch zerstörerisch. Sie führte zur Atombombe. Zur Vernichtung. Und darin liegt der zweite Grund verborgen. Es ist offensichtlich so, dass die Existenz einer Sache (auch meiner eigenen Person, wenn ich mich als Objekt betrachte) dadurch scheinbar bewiesen werden kann, indem ich sie „vernichte”. Dies ist kein Paradoxon. Ich stehe vor einem Phänomen, z. B. einem Stein so gross wie ein Fussball, und frage mich, ist dieser Stein tatsächlich irgendwo da draussen, ausserhalb meiner Wahrnehmung, ausserhalb meines Bewusstseins, tatsächlich da und wenn ja, was genau ist er? Sehr schnell komme ich durch sehen, fühlen, schmecken, riechen, messen usw. zu der Schlussfolgerung, dass meine Wahrnehmungen beschränkt und unzuverlässig sind. Ich sehe nur Oberfläche, messe nur Gewicht auf der Erde. Auch zerschlagen, zermalen und immer mehr zerteilen bis zur Molekülebene führt immer nur zu neuen Wahrnehmungen, die neue Fragen hervorbringen. Nun „erfinde” oder „finde” ich Geräte und Messeinheiten, die mir „noch mehr zeigen”. An irgendeiner Stelle des Zerteilens lasse ich Atome zerfallen, um zu schauen, ob noch kleinere „Partikel” festzustellen sind. Ja tatsächlich es geht weiter, doch die Beschreibung, was da „ist”, wird immer schwieriger. Die Messgeräte nehmen gigantische Dimensionen an, vom Atomzertrümmerer bis zum Weltraumteleskop.
Inzwischen sind die Erklärungen nur noch mathematisch darstellbar und von Wahrnehmungen entkoppelt. Masse krümmt Raum, Zeit wird „gedehnt” und nun existiert der Stein, als Formation, schon lange nicht mehr. Was übrig bleibt, ist etwas „Geistiges”. Symbolisch formuliert im Bewusstsein der Menschen, die die Symbole „anwenden” und dadurch meinen, die tatsächliche Welt zu verstehen. Der Stein als morphologisches Gebilde (die Gestalt und den Aufbau betreffend) ist längst verschwunden. Etwas Neues ist aufgetaucht: Eine weitere Erklärung wie sich die „materielle Welt” zusammensetzt und gemäss gegebener physikalischer Gesetze verhält. Da ich ein Teil dieser Welt bin und mich für Materie halte, habe ich scheinbar nun eine weitere Erklärung, was ich bin und wie ich funktioniere. –
Könnte dies so sein? Obiges klingt bitter. Habe ich diesen Drang des „homo intellecticus“ zur Selbsterkenntnis falsch oder zu vereinfacht beschrieben? Vielleicht, weil es eine unzulässige Verallgemeinerung wissenschaftlicher Denkweise war. In manchen Fällen ist der „Baum der Erkenntnis”, den wir Wissenschaft nennen, ja auch gesegnet.
Auch ich verspüre diesen Drang, verstehen zu wollen, und versuche nachzuvollziehen, was einige Menschen seit Jahrtausenden fasziniert hat. Was bin ich in der „Welt”? Gibt es Welt „in” mir und „ausser” mir? Was sagt hier „Ich”? Kann ich die Phänomene, Konzepte, Konstrukte, Erkenntnisse meiner ureigensten Existenz (was das auch sei) von „innen” aus meiner persönlichen, geistigen Schau heraus ergründen ohne Materie (was das auch sei) zerstören zu müssen? Kann ich mich selber begreifen? – Es scheint unmöglich. Es gibt mehr Fragen als Antworten. Selbst die Gründung einer „Wissenschaft vom Bewusstsein” könnte schwierig werden.
Die heutige Situation, nach einer leidvollen menschlichen Geschichte, nach Religionskriegen und während eines Religionskrieges, nach Entmystifizierung usw., ist nicht anders als vor fünftausend Jahren: Jeder einzelne Mensch steht immer wieder vor dieser gleichen, entscheidenden Frage: Was heisst es (für mich) Mensch zu sein? Was anders zu sein scheint, ist das vorhandene Angebot an vorgefertigten Antworten. Doch grade hierdurch entsteht ein neues Problem: Welche der unglaublich vielen Lehren und Philosophien ist die richtige (für mich)? Auch hierauf kann keine Antwort gefunden werden; es fehlt die unanzweifelbare Wissensinstanz.
Daraus die „Erkenntnis” zu ziehen, dass diese Frage unbeantwortet bleiben muss, ist verständlich aber zutiefst unbefriedigend. Sich nicht weiter darum zu bemühen ist einerseits scheinbar befreiend, denn einfach zu „leben”, das heisst auf der einen Seite die körperlichen Grundbedürfnisse zu sichern und (z. B. gemäss der Maslowschen Bedürfnispyramide) dann nach „oben” weiter fortzuschreiten, was immer dann auch „Selbstverwirklichung” für den Einzelnen heissen mag, ohne weiter zu fragen, „warum und wieso”, wird gesellschaftlich als honorabel akzeptiert. Aber manchen Menschen reicht diese Vorgehensweise trotzdem nicht, weil irgendein „Wurm im Inneren” doch weiter bohrt und man das Gefühl der „Sinnlosigkeit” allen Tuns einfach nicht los wird.
Oh, könnte ich doch etwas wirklich wissen! Oh, könnte ich wenigstens glauben! Hat da jemand gesagt: Wir können wissen? Wir wissen doch nun wirklich, dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht umgekehrt. Wir wissen, wie wir das Atom spalten können. Wir wissen, dass der Mond ein totes Stück Gestein ist. Wir wissen, daß eine Maschine niemals fliegen kann, oder doch?
Aber was ist mit denen, die sagen: Der Mensch ist eigentlich ein unsterbliches, geistiges Geschöpf. Farben sind geistige Entitäten, denen ich, ebenfalls eine geistige, unreduzierbare Entität, gegenübertrete, und nicht (nur) eine reflektierte Wellenlänge, die mathematisch beschrieben und physikalisch gemessen werden kann.
Was ist mit denen, die sagen: Hinter alledem steht ein Schöpfer mit einem Plan. Wir seien Ausdruck seiner Schöpferkraft, nach seinem Bilde geschaffen, ebenfalls mit der Fähigkeit, Welten zu schaffen, ausgestattet. Und es gäbe diese „Welt” nur aus einem Grunde: Den Menschen stufenweise zu seiner Bestimmung, seinem Ausgangspunkt (wer oder was Namenloses dies auch sei), zurückzuführen. Ja noch weiter, die physikalische Welt sei nur aus diesem Grunde vorhanden und im Grunde nichts weiter als formierter Geist – die Welt sei Geist-In-Formation.
Wie leicht ist es, diese als irrationale Schwärmer hinzustellen, und sich des Applauses der wissenschaftlichen Experten sicher zu sein. Denn welche „Argumente” könnte man bieten?
Solange die Frage nach dem menschlichen Bewusstsein nicht für jeden Menschen geklärt ist, solange nicht klar ist ob der Mensch ein Fleischklumpen (obwohl auch dies schon ein „Wunder” wäre), ein „Gott” oder geschaffener Geist ist, solange kann ich unbeirrbar meine Fragen stellen.
Allein diese Fähigkeit und die humorvolle Feststellung, dass auch die grössten „Wissenschaftler” im Angesicht ihres Todes die Frage, was mit ihnen wird, gestellt haben, geben mir alle Rechtfertigungen der Welt, weiterhin zu fragen in der Hoffnung, einmal die „richtige” Frage zu stellen. Mein Argument ist einfach:
Ihr (Wissenschaftler) wisst nicht, warum „es” fragt, und wer hier fragt, schon gar nicht.
Und solange ihr dies nicht wisst, wisst ihr im Grunde nichts.

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