PHILOSOPHIE

> Die buddhistische Wolke - Erfahrungen in einem Zen-Kloster

initiative vernunft Beitrag Nr. 9
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> Die buddhistische Wolke - Erfahrungen in einem Zen-Kloster
Von Max Schnyder, mmschnyder@bluewin.ch, zeit-ethik.ch

D er Meister war mit dem Essen fertig und sah mich an. „Ich höre, dass du Buddhist werden willst.“

„Ja“, sagte ich. „Ich bin jetzt eine Weile Schüler, aber ich bin nie dem Glauben beigetreten oder der Kirche, oder wie immer es heisst. Das möchte ich jetzt gern.“

„Das lässt sich machen“, sagte der Meister. „Wir haben eine besondere Zeremonie für diesen Zweck. Dazu kommen alle unsere Mönche und alle Priester, die irgendwie mit dem Kloster verbunden sind. Sie ziehen Ihre besten Gewänder an. Ich trage die Robe, in der Du mich schon einmal gesehen hast, zu Neujahr. Sie ist unbequem, denn Brokat ist schwer, aber sie sieht gut aus. Wir singen Sutras, du trittst vor und kniest nieder, ich stelle dir ein paar Fragen, die du mit »Ja« zu beantworten hast. Du musst erklären, dass du deine Zuflucht bei Buddha suchst, in der Lehre und in der Bruderschaft der Buddhisten.“

„Ausserdem musst du bestätigen, dass du dich weigern wirst, ins Nirwana einzugehen, bevor nicht alle Lebewesen soweit sind, dass sie Teil der letzten Wirklichkeit werden. Dann wedle ich mit einer Pferdehaarquaste, und das Sutra Singen geht weiter, und Gisan wird seine Trommel rühren, und der Vorsteher und Kesan werden den Gong schlagen, und danach wird es ein Fest geben. Wir können das organisieren. Ich muss nur den Vorsteher fragen, damit er einen Termin für die Zeremonie findet.“

Er sah mich an. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Das Ganze schien mir sehr annehmbar, aber anscheinend wollte der Meister noch etwas hören.

„Ja, gut dann“, sagte ich endlich. „Vielen Dank für Ihre Mühe“.

Er nickte. Ich nahm an, dass das Gespräch beendet war, und beugte mich und stand auf. Als ich an der Tür war, rief der Meister mich zurück.

„Etwas wollte ich dich noch fragen. Warum willst du eigentlich, dass die Zeremonie stattfindet? Glaubst du, du wirst davon besser?“

Ich musste zugeben, dass ich das nicht glaubte.

„Meinst du, du kommst der Lösung deines Kōans näher, wenn du Buddhist geworden bist?“

„Nein, das glaube ich auch nicht“.

„Hm“, sagte der Meister und wandte sich ab.

Das Gespräch war nun wirklich zu Ende, und ich verliess den Raum. Im Garten suchte ich Hansan und fand ihn, wie er Gurken auf einen Schubkarren lud. „Bist du eigentlich Buddhist?“, fragte ich ihn. Hansan war ein Bauernjunge, aber schnell von Begriff.

„Ich?“, fragte er unschuldig. „Ich studiere Zen-Buddhismus“.

„Ja“, sage ich ungeduldig, „das weiss ich. Aber bist du Buddhist?“

„Du weisst doch“, sagte Hansan, dass das Ich nicht existiert. Ich verändere mich ständig. Jeden Augenblick bin ich ein anderer. Ich bin da, wie eine Wolke da ist. Eine Wolke ist auch buddhistisch. Du nennst mich »Hansan« und tust so, als ob ich gestern war, was ich heute sein werde. Aber das ist deine Sache. In Wirklichkeit gibt es keinen Hansan. Wie kann also ein unwirklicher Hansan ein Buddhist sein?“

„Machs nicht so schwierig“, sagte ich. „Ich will bloss wissen, ob du ein Mitglied der buddhistischen Bruderschaft bist oder nicht“.

„Ist eine Wolke ein Mitglied des Himmels?“, fragte Hansan.

Ich gab auf. Die Zeremonie wurde nie wieder erwähnt.


Fazit: Zeremonien sind nur äusserliches Tun.

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