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Von Max Schnyder, mmschnyder@bluewin.ch, zeit-ethik.ch
D ie Bürger des Stadtstaates Athen im fünften Jahrhundert v. Chr., hatten offensichtlich genug von der Willkür des herrschenden Adels. Sie verwirklichten die Demokratie. Leider übernahmen sie die Mentalität des Adels, die Hab- und Machtgier und die Herrschsucht.
Das wichtige Gebot des Miteinander-Reden, das Zuhören, lernten sie nie wirklich. Der eigentliche demokratische Grundgedanke wurde in seiner Reinheit nicht realisiert und ist es bis heute nicht:
In der Demokratie darf niemand herrschen, keine Partei, keine Lobby, keine persönlichen Interessen, als allein der Wille des Miteinander nach Lösungen zu suchen, die allen Menschen gleichermassen nützen, niemanden bevorzugen oder benachteiligen, alle Stimmen anhören, die eigene Meinung laufend hinterfragen und nötigenfalls korrigieren. Sich miteinander so aufeinander einstimmen, dass Abstimmungen überflüssig werden, ist wahre Demokratie.
Eine hübsche Theorie, die wir jedoch praktizieren können, wenn wir nur wollen.
Die mo-(oh!)-derne Demokratie
Die Schäfchen weiden friedlich miteinander, oft sanft und leise vor sich hin blökend, wie in nachdenkendem Selbstgespräch. Wenn eines, immer noch sanft, lauter ‚redet’, hören alle schweigend zu, weil sie wissen, dass sie beim Zuhören mehr lernen, als mit lautem Blöken. Alle ‚reden’ irgendwann, aber immer nacheinander.
Der Hirte freut sich, wenn er ihnen zusieht und zuhört. Er liebt sie, weil sie so friedlich sind. Aber auch gebratene Hähnchen liebt er, die sind sein liebstes Essen. Darum kauft er junge Hähnchen und lässt sie auf die Schafsweide, damit sie viel Gutes aufpicken können und recht schwer werden.
Die Hähnchen aber krähen gegeneinander, gönnen dem andern nicht viel Gutes, jeder will der Stärkere, der Bessere sein, immer rechter und noch mehr haben. Sie krähen immer lauter, ohne einander zuzuhören und streiten so zornig, gegeneinander, dass ihre Federn fliegen. Sie beanspruchen So Viel Platz.
Den Schäfchen gefällt das gar nicht, denn sie möchten im Frieden leben. Sie rennen, miteinander, zwischen die Streithähnchen. Werden aber von den spitzen Schnäbeln verletzt, bluten und können sich nicht wehren, weil sie keine Tritte austeilen wollen. Sie hören trotzdem nicht auf, miteinander, zwischen die Hähnchen zu rennen.
Der Hirte wird darob traurig und verschenkt die Hähnchen als Denkanstoss an streitsüchtige Menschen, die sich wechselseitig beschuldigen, weil jeder meint, der andere sei schlechter, er selber aber der Beste sei und immer am rechtesten habe.
Die Schäfchen freuen sich, wieder friedlich miteinander grasen zu können, schauen sich an und blöken leise, voller Sorgen: „Wie geht es den Streithähnchen, wenn niemand mehr Frieden stiftet?“
Der Hirte freut sich auch wieder, mag keine gebratenen Hähnchen mehr essen und fragt sich nachdenklich: „Lieben die Streithähnchen den Frieden des Miteinander wirklich nicht?“ und wünscht ihnen: „Friede sei mit euch!“
Der Klügere gibt nach, darum nimmt die Torheit zu.
Was wäre, wenn die Klugheit gänzlich verschwände?


